Riten des Übergangs
Zwölf Aspekte für die Gestaltung von Ritualen in der Sterbebegleitung
8. Den Abschied wieder nach Hause holen
Schon hier wird deutlich, dass der Schwerpunkt des Abschieds am Sterbebett zu Hause stattfand. Voraussetzung war, dass die Umstände dies zuließen und der Sterbende in der Lage war, das Signal für den Abschied zu geben. Geburt und Tod waren in der Agrar- und in der frühindustriellen Gesellschaft Ereignisse, die sowohl in das familiäre Leben als auch in einen spirituellen Rahmen integriert waren. All dies ist in der postmodernen Industriegesellschaft nicht mehr üblich.
Wir sterben in Einrichtungen fern unserer häuslichen Umgebung, der Leichnam wird meist schnell nach der ärztlichen Untersuchung in die Kühlkammern gebracht, dann, wenn freigegeben, vom Bestatter abgeholt, der die Abholdienste und Beerdigungsmodalitäten regelt ebenso wie die Entsorgung des Leichnams. Viele von uns sehen den Tod nicht mehr als Übergang, wehren sich gegen spirituelle Begleitung oder wissen nicht, wie diese aussehen könnte. Das Hauptritual des Abschiednehmens ist die Trauerfeier in der Friedhofskapelle, in den großen Städten wird auch diese immer unüblicher.
Wir haben den Kontakt zum Sinn des Abschiednehmens verloren, verdrängen die Gefühle und vermeiden spirituelle Praxis, weil sie uns als unzeitgemäß erscheint. Wir delegieren die Pflege und die ärztliche Versorgung des Sterbenden an medizinisches Fachpersonal, die Trauerfeier an die Theologen, die Entsorgung des Leichnams an die Bestatter, die darüber hinaus noch allem möglichen Dienstleistungen übernehmen, das Begräbnis an die Friedhofsangestellten. Damit sind wir an diesen Prozessen nur noch mittelbar beteiligt. So geben wir die Verantwortung in der Dienstleistungsgesellschaft auf vielfältige Weise ab, bezahlen dafür und entlasten uns, was oft auch Erleichterung bringt. Dennoch entsteht hektische Betriebsamkeit, denn die vielfältigen Vorgänge, die nötig sind, bis ein Mensch beerdigt ist, wollen koordiniert werden. Dieser Aktivismus entspricht dem Tempo der Leistungsgesellschaft und dem, was sie wertschätzt: Das Tun. In der Trauer und dem Abschiednehmen geht es um das Spüren, das Sein lassen. Dies geschieht nur, indem wir inne halten, aussteigen aus dem Getriebe und dem Bedürfnis, alles kontrollieren, in den Griff bekommen zu wollen.
- Ein Pechvogel… - 16. Dezember 2022
- Gespenster als Wegweiser - 27. Oktober 2022
- Den Frieden in uns nähren - 5. März 2022
Eine Antwort
[…] Uller Gscheidel erläutert, dass Rituale eine Gemeinschaft schaffen und Übergänge erleichtern. Aus der Sicht des Bestatters schreibt er, worauf man unbedingt achten sollte. In unserem Menu finden Sie unter der Rubrik Rituale weitere Artikel zur Gestaltung einer Trauerfeier ebenso wie einen Überblickstext zum Thema Riten des Übergangs. […]